Der Sinn für Schönheit und Aufrichtigkeit

Persönlichkeit ist das Geheimnis des ganzen Lebens. In der Entwicklung der Persönlichkeit ist es nicht notwendig, die psychischen oder okkulten Fähigkeiten zuerst zu fördern. Der Beginn der Entwicklung geschieht auf natürliche Weise. Doch zweierlei ist bei der Entwicklung der Persönlichkeit notwendig: der Sinn für Schönheit und das Bewahren der Aufrichtigkeit.

Man kann den Schönheitssinn definieren als ein sich zu Eigen machen von allem, was im Denken, Reden und Tun als schön erscheint. Für gewöhnlich schätzt man an anderen alles Schöne, übersieht jedoch den Mangel an dieser Schönheit in den eigenen Gedanken, Reden und Handlungen. So wird man z. B. die ehrerbietige, bescheidene, liebenswürdige Haltung, die ein anderer einem entgegenbringt zu schätzen wissen, aber den eigenen Mangel an solcher Haltung andern gegenüber nicht bemerken

Dafür gibt es zwei Gründe. Der eine besteht darin, dass der Mensch vorwiegend nach aussen schaut anstatt nach innen und einen anderen erblickt, eher er sich selber sieht. Der andere liegt daran , dass der Mensch von Natur aus selbstsüchtig ist. Er beansprucht alles Gute für sich selbst und verschwendet kaum einen Gedanken daran, diese Dinge auch anderen zukommen zu lassen. Die Tatsache, dass alles im Leben ein natürlicher Widerhall ist, nämlich dass man früher oder später zurückerhält, was man gegeben hat, ist ihm unbekannt. Diese Unkenntnis macht ihn rücksichtslos. Daher erscheint einem sensiblen Menschen das Leben ringsherum voller Dornen zu sein. Er erwartet aber Rosen und keine Dornen. Dies zeigt, dass die Seele sich nach dem Guten und Schönen sehnt. Ein solcher Mensch empfindet dann Mitleid und mit sich selbst und tadelt die anderen, anstatt sie zu bemitleiden. Wenn er nur bedenken würde, dass andere des Mitleids ebenso bedürfen wie er selber; doch nicht jeder denkt an die Schmerzen und Leiden anderer. Sobald der Mensch in seinem Leben beginnt, die eigenen Sorgen zu vergessen und an die Leiden anderer zu denken, hat er den ersten Schritt zur Heiligkeit getan

Rosen und Dornen entstammen derselben Pflanze und spriessen aus derselben Wurzel. Der Heilige und der Sünder entstammen aus dem selben Ursprung - Gott, dem Vater der ganzen Menschheit. Die Schönheit, der Duft und die Farbe, die an der Wand verborgen sind, haben sich in der Rose offenbart, im Dorn sind sie nicht zum Ausdruck gekommen. Der Unterschied zwischen der Pflanze und dem menschlichen Wesen besteht im freien Willen. Ein Mensch kann sich nicht damit entschuldigen : "Ich bin als Dorn geboren, wie kann ich da zur Rose werden?" Da der Mensch einen freien Willen hat, ist er auch dafür verantwortlich, wenn er zum Dorn wird, und es ist sein Verdienst, wenn er zur Rose wird. Er muss wissen, dass so wie Farbe, Duft und Schönheit in der Wurzel verborgen sind, auch alle Güte und Schönheit aus demselben Ursprung stammen. Diese Eigenschaft, die vom Leben der Meister ausstrahlte, leuchtet noch immer und wird immer leuchten. Was Freunde anzieht, ist nicht immer Macht, Besitz oder Schönheit, was wirklich Mensch anzuziehen vermag, ist die Persönlichkeit.

Nun zu der anderen Eigenschaft der Persönlichkeit - der Aufrichtigkeit, die unbedingt bei der Entwicklung der Persönlichkeit zu beachten ist. Viele Leute geben um des guten Benehmens willen ihren Manieren und Reden einen feinen Schliff. Aber Politur ist nicht unbedingt wirksam, sie ist nicht das Beindruckende an einem Menschen. Schönheit ist es, das alles durchdringt. Je größer die Schönheit ist, desto größer ist ihr Eindruck. Was Manieren genannt wird, - was blosse Manier ist - hat keinen Tiefgang, sondern ist nur ein Spiel. Jeder Gedanke, jede Rede oder jede Handlung birgt in sich eine psychische Kraft, die in anderen einen Eindruck hinterlässt. Und diese psychische Kraft stammt aus der wahren göttlichen Essenz im Menschen.

Zweifellos gibt es Menschen, die im Namen der Aufrichtigkeit ihren Mangel an Schönheitssinn zum Ausdruck bringen, indem sie sagen: "Ich bin ein freimütiger Mensch und sage die Wahrheit, ohne mich darum zu kümmern, wie du sie aufnimmst." Dies zeigt, dass es der Aufrichtigkeit ohne Schönheitssinn an Gleichgewicht fehlt, wie es auch der Schönheit ohne Aufrichtigkeit an Gleichgewicht mangelt. Wie Musik von Rhythmus und Ton abhängt, so ist die Persönlichkeit vom Schönheitssinn und von der Aufrichtigkeit abhängig.

aus: Hazrat Inayat Khan: Die Gathas, S. 174-175

Die störende Wirkung eines anderen Ego

Durch einen tieferen Eindruck ins Leben stellen wir fest, das uns am meisten im Leben stört; es ist das Ego, das die meisten Misstöne ins Leben bringt. Wer die rechte Art der Entfaltung der Persönlichkeit kennt, weiss, dass die erste Aufgabe im Leben darin besteht, das Ego so weit wie möglich auszulöschen. Christus sagt: "Selig sind die Armen im Geiste." Geistige Armut bedeutet, dass das Ego gemildert worden ist. Das Denken, Reden und Handeln eines Menschen, dessen Ego gemildert worden ist, bekommt einen gewissen Zauber. Manchmal zeit ein Mensch nach erlittenen Enttäuschungen und Leiden in seinem Wesen einen gewissen Charme. Dieser Charme rührt von der Milderung des Egos her. Indessen ist jede Tugend, die sich unter dem Einfluss des Lebens von selbst entwickelt hat, nicht im gleichen Sinne eine Tugend wie durch eigene Anstrengung erworbene.

Jede schöne Handlung oder Rede, jeder schöne Gedanke ist durch das Auslöschen des Egos entstanden. So bedingt z. B. jede Höflichkeitsbezeugung ein Zügeln des Egos. Schönheit der Rede beruht immer auf eben diesem Zurücknehmen des Egos, und ebenso verhält es sich mit den Gedanken. Sobald ein Gedanke sich unbeherrscht äußert, verletzt es das Ego eines anderen. Bei den niederen Geschöpfen wird die Neigung zu kämpfen nur durch das Ego verursacht, und der Mensch besitzt diese Neigung nicht im geringeren, sondern eher im größeren Maße. Diese Neigung schafft sowohl im Leben des Einzelnen, wie in dem der Menge Unruhe und Aufruhr. Die Familienfehden der Vergangenheit, wie die heutigen Kriege stammen alle aus der selben Quelle, dem Ego.

Der Gedanke der Selbstverleugnung im Christentum drückt, - wenn richtig betrachtet - eher die Idee der Überwindung des Egos als die Entsagung aus. Menschen, in deren Nähe wir uns wohl, entspannt und friedlich fühlen, haben immer ein sanftes Ego. Je größer ein Mensch ist, desto feiner ist sei Ego. Es kann dafür kein größeres Beispiel geben als Jesus, wie er die Füsse seiner Jünger wäscht.

Was des Menschen Ego bildet, das ist jegliche Art von Befriedigung des Egos, was es bricht, ist Geduld und Entsagung. Zur Frage, ob es ratsam sei, das Ego so zu zerstören, dass ein so verfeinerter Mensch von anderen übervorteilt werden kann, ist zu sagen, dass es nicht notwendig ist, dem Ego entgegen zu arbeiten, doch soll man es beherrschen.

Es wäre nicht übertrieben, wenn ich sage, dass des Menschen grösster Feind sein Ego ist, sein eigenes ich. Wenn er es nicht beherrscht, dient sein Denken, Reden und Handeln der Befriedigung seines Egos. Je mehr er es befriedigt, desto mehr verlangt es von ihm und ist doch nie zufrieden. Kein anderer besitzt im Leben solche Macht, den Menschen zu versklaven, wie sein eigenes Ego.

In Wahrheit ist der Mensch von göttlicher Essenz, und weil er das ist, hat er das Recht, Herrscher seines eigenen Lebens zu sein, das sein eigenes Reich ist. Durch die Befriedung seines Egos fällt der Mensch aus der Herrscherwürde in die Sklaverei, und am Ende wird ihm sein eigenes Leben zur Last. Um sein eigenes Königreich zu gewinnen, muss er die Illusion zerstören, dass er durch die Befriedigung seines Egos seine Macht kundtue; er befriedigt seinen Feind, wenn er sein Ego zufrieden stellt. Ein persischer Dichter sagt:

"Jedes Mal, wenn ich mit meinem Feind Frieden schließe, hat er die Gelegenheit, sich zu neuem Kampf zu rüsten."

 

Der grosse Kampf, den die Sufis, die Heiligen und die Yogis kämpfen, ist der Kampf mit dem Ego. Aber der Heilige kämpft mit seinem eigenen Ego, während der Durchschnittsmensch mit dem Ego anderer Leute kämpft. Der Unterschied im Ergebnis der beiden Kämpfe besteht darin, dass Sieg und Niederlage des Durchschnittsmenschen vorübergehend ist, aber der Sieg des Heiligen ewig ist. Der erstere, sobald er einen Kampf beendet hat, muss einen neuen beginnen, während der letztere, wenn es ihm einmal gelang, siegreich ist. Und schließlich ist alles, was der erstere gewinnt, nicht sein eigen, weil sein Königreich nicht sein eigen ist. Aber der Heilige ist König in seinem eigenen Königreich

aus: Hazrat Inayat Khan: Die Gathas, S. 176-177