Die Frage ist, wie entspannt man sich? Es ist nicht damit getan still zu sitzen mit geschlossenen Augen; denn wenn der Geist seine Aufmerksamkeit dem Körper zuwendet, sei es durch Gedanken oder Gefühle, dann ist der Körper nicht entspannt, da de Geist unseren Körper martert. Wenn hingegen die Gefühle aus dem Geist einwirken, dann wird der Geist gequält. Und diese Tortur, selbst wenn wir mit geschlossenen Augen in einer bestimmten Position still dasitzen, tu nicht gut. Bei der Entspannung sollte man drei unterschiedliche Gesichtspunkte berücksichtigen: den des physischen Körpers, den des Geistes und den der Empfindung. Was den physischen Körper betrifft, so ist es notwendig, dass man ihn beherrschen lernt, ihn beeinflussen kann, auch den Kreislauf, den Pulsschlag; hierzu können wir die Macht des Denkens und des Willens zusammen mit dem Atem einsetzen. Durch Willenskraft lässt sich ein bestimmter Zustand im Körper hervorrufen, so dass der Kreislauf auf einen bestimmten Rhythmus eingestimmt wird. Der Rhythmus kann durch Willenskraft verlangsamt werden. Ebenso lässt sich der Pulsschlag willentlich regulieren. Hat man auf diese Weise erst einmal die Zirkulation und die Pulsation des Körpers in den Griff bekommen, dann kann man stundenlang meditieren. Deshalb können viele Weise auch über viele Stunden in Meditation verharren. Sie konnen ihren Kreislauf beherrschen, ebenso wie sie den Rhythmus ihres Atem beschleunigen oder verlangsamen konnen. Und wenn keine Verspannung auftritt, weder im Nervensystem noch in der Muskulatur, dann fühlt man sich erholter als nach einem zehntägigen Schlaf. So ist mit Entspannung also nicht gemeint, sich still hinzusetzen, sondern es ist die Fahigkeit, sein System von Spannungen zu befreien, seine Zirkulation, seine Pulsation, sein Nervensystem und seine Muskulatur.

Wie aber entspannt man den Geist? Die Methode, den Geist zu entspannen, ist, dass man ihn zunächst müde macht. Jemand, der seinen Geist nicht durch bestimmte Übungen müde machen kann, wird ihn auch niemals entspannen können. Dabei ist Konzentration für den Geist von größter Bedeutung, wobei er bei einem bestimmten Gedanken oder Objekt verweilen muss. Danach entspannt er sich auf natürliche Weise und in diesem gelösten Zustand gewinnt er neue Kraft.

Entspannung des Gefühls wird erreicht, indem man Empfindungen vertieft. Die Sufis in Asien spielen während ihrer Meditation eine Musik, die die Emotionen derartig aufwühlt, dass die Worte des Gesangs zur Realität werden. Danach folgt die Entspannung. Dadurch wird jegliche Blockade, jede Stauung aufgelöst und Inspiration, Kraft und ein Gefühl der Freude und Verzückung können ungehindert fließen.

Durch diese drei Arten der Entspannung bereitet man sich auf die höchste Entspannung vor, die unser gesamtes Sein einschließt: der Körper ist entspannt, der Geist ist ruhig und das Herz ist in Frieden. Diese Erfahrung könnte man Nirvana nennen, den Idealzustand der Denker und der meditativen Seelen. Diesen Zustand wünschen sie zu erlangen, denn er beinhaltet alles. Es ist der Zustand, in dem ein Mensch zu einem Tropfen Wasser wird, der von seinem Ursprung assimiliert wird und mit ihm verschmilzt. Diese Verschmelzung auch nur für einen Moment zu erleben, bedeutet, dass alles, was zu diesem Ursprung gehört, von dem Tropfen angezogen wird, denn dieser Ursprung ist die Essenz von allem. Der Tropfen hat alles, was er im Leben besitzt, aus seinem Ursprung bezogen. Er ist von neuem aufgeladen und beginnt wieder zu leuchten.  (Hazrat Inayat Khan: Mental Purification)